Drittes Viertel im Draft-Thriller. Die Uhr läuft, zehn Minuten Bedenkzeit, und plötzlich klingelt das Telefon im War Room. Ein anderer GM bietet einen Zweitrunder plus einen Nächstes-Jahr-Erstrunder für einen Move-Up. Neunzig Sekunden später muss die Entscheidung stehen. Name aufschreiben oder Trade akzeptieren. Aufschreiben oder traden. Aufschreiben oder traden.
Genau das ist der Moment, in dem sich Draft-Tüftler von Bürokraten trennen. Die besten General Manager dieser Liga sind nicht die, die in Runde 1 den richtigen Namen picken. Das macht jeder Fünfjährige mit ESPN-Abo. Die Besten sind die, die vor dem Pick, während des Picks und im Jahr danach die Picks selbst handeln, als wären sie Aktien. Und kein Mann in der NFC ist darin so gut wie Howie Roseman. Also reden wir über Trades. Wie sie funktionieren, wie sie bewertet werden, und warum die Eagles diese Kunst seit zehn Jahren zur Perfektion betreiben.
Warum überhaupt getradet wird
Drei Gründe, warum ein Team Picks tauscht. Erstens: Move-Up. Du willst einen bestimmten Spieler, und der ist gleich weg. Also opferst du Zukunfts-Kapital, um im aktuellen Draft nach vorne zu springen. Klassiker: Die Saints trugen 1999 praktisch ihren gesamten Draft an Washington ab, um Ricky Williams auf Pick 5 zu holen.
Zweitens: Move-Down. Du sitzt auf einem Pick, aber dein Board sagt, dass zwischen Platz 15 und Platz 25 die Talentlage flach ist. Also tauscht du Position 15 gegen Position 24 plus einen Drittrundenpick. Mehr Picks, gleicher Spieler-Tier, besseres Ergebnis. Howies Lieblings-Move.
Drittens: Future für Present oder umgekehrt. Du brauchst heute einen Spieler, hast aber kein Draft Capital mehr. Also biete dein Erstrundenpick nächstes Jahr. Oder umgekehrt: Du bist nächstes Jahr auf dem Talent-Zug, weil 2027 ein legendärer Quarterback-Jahrgang wird. Also tauschst du 2026-Picks gegen 2027-Picks und sparst Hebel für später.
Jeder dieser Trades braucht eine Währung. Und genau hier kommen die Trade Value Charts ins Spiel.
Jimmy Johnson und die erste Chart
Der Erfinder: Jimmy Johnson. Der Mann, der die Cowboys-Dynastie der 90er mit aufgebaut hat. Nach dem Herschel-Walker-Trade 1989, den wir im Historie-Artikel besprochen haben, brauchte Johnson ein System, um zu bewerten, wer bei einem Draft-Pick-Tausch gewinnt und wer verliert. Sein Kollege Mike McCoy setzte sich hin und rechnete historische Trades nach. Heraus kam die allererste NFL Trade Value Chart.
Die Grundlagen der Johnson-Chart sind simpel. Pick 1 bekommt einen festen Maximalwert, 3000 Punkte [1]. Pick 2 liegt bei 2600. Dann fällt die Kurve steil ab. Pick 10 liegt bei 1300, Pick 20 bei 850, Pick 32 bei 590. Für Runde 2 halbiert sich die Wertigkeit, für Runde 3 nochmal. Am Ende, im siebten Round, sind die Picks zweistellige Punktwerte wert.
Die Jimmy-Johnson-Chart in der originalen Tabellenform. Pick 1 ist 3000 Punkte wert, Pick 32 noch 590, ab Pick 224 fällt alles auf null. Seit 1991 die Währung des NFL-Trade-Markts.
Zwei Jahrzehnte lang war die Johnson-Chart der Standard. Wenn zwei GMs über einen Trade verhandelten, lagen die Charts in beiden Büros, und der Kompromiss war mathematisch auditierbar. "Ich gebe dir 1200 Punkte, du gibst mir 1150, plus einen Siebtrunder zum Ausgleich. Deal."
Aber es gab ein Problem. Die Johnson-Chart überschätzt die Top-Picks massiv. Sie behandelt den Unterschied zwischen Pick 1 und Pick 5 wie einen Grand Canyon, obwohl historische Daten zeigen, dass die Hit-Rate auf diesen Picks fast identisch ist. Anders gesagt: Wer in den 90ern die Chart benutzte, zahlte chronisch zu viel für Move-Ups in die Top 5.
Rich Hill und das moderne Modell
2017 setzte sich Rich Hill hin, damals ein Analytics-Junge beim Blog Pats Pulpit, und baute eine neue Chart. Seine Idee: Nimm die echten Draft-Trades der letzten Jahre, analysiere, welche Punktwerte die Teams tatsächlich akzeptiert haben, und leite daraus ein empirisches Modell ab [2].
Das Ergebnis war revolutionär. In Hills Chart ist Pick 1 nicht 3000 Punkte wert, sondern 1000. Die Kurve fällt weniger steil ab. Pick 32, das Ende der ersten Runde, hat in Hills Modell deutlich mehr Wert als in Johnsons. Ein Erstrundenpick ist ein Erstrundenpick, selbst wenn er am Ende der Runde steht. Die Kostbarkeit der Top-Auswahl wird runtergekocht, die Tiefe der ersten Runde aufgewertet.
Career Approximate Value nach Draft-Position. Die Kurve fällt steil von Pick 1 bis Pick 32, danach wird die Streuung so hoch, dass Scouting-Glück wichtiger wird als die reine Position. Genau hier setzt Rich Hills moderne Chart an.
Warum ist das realistischer? Weil die Rookie Wage Scale seit 2011 das finanzielle Risiko eines Top-Picks praktisch eliminiert hat, aber das Floor-Risiko geblieben ist. Ryan Leaf, JaMarcus Russell, Jamarcus die Zweite. Die Top-Picks sind teuer an Draft Capital, aber nicht mehr so viel besser in Hit-Rate, dass der Tausch lohnt.
Heute benutzen NFL-Front-Offices beide Charts parallel. Johnson als Verhandlungsstartpunkt, weil die alten Hasen dran gewöhnt sind, und Hill als Realitäts-Check. Und in den letzten Jahren hat sich Hill als die genauere Referenz etabliert. Analysten bei Pro Football Focus, Over the Cap, The Athletic rechnen mit Hill-Zahlen, wenn sie einen Trade bewerten [3].
Praktisch gerechnet: Ein Move-Up in Pick 10
Beispiel. Team A sitzt auf Pick 20, sieht auf Pick 10 seinen Traum-Edge-Rusher weggehen und will hoch. Team B hat Pick 10 und wäre bereit, runterzugehen, wenn die Rechnung stimmt.
Johnson-Chart:
- Pick 10 = 1300 Punkte
- Pick 20 = 850 Punkte
- Differenz = 450 Punkte
Um die 450 auszugleichen, braucht Team A zusätzliches Draft Capital. 450 Punkte entsprechen etwa einem frühen Drittrundenpick (Pick 68 = rund 250 Punkte) plus einem späten Zweiten (Pick 60 = rund 300 Punkte). Oder einen Zweitrundenpick im nächsten Jahr, diskontiert, weil Zukunfts-Picks weniger wert sind.
Rich-Hill-Chart:
- Pick 10 = 354 Punkte
- Pick 20 = 250 Punkte
- Differenz = 104 Punkte
Die Differenz in Hills Modell ist viel geringer. Ein Dritt- oder früher Viertrundenpick reicht. Zwei Charts, zwei völlig unterschiedliche Preise. Welche Chart du benutzt, entscheidet, ob du als GM den Trade machst oder nicht.
Future Picks: Der Diskont, über den niemand spricht
Ein Aspekt, den die Charts nicht automatisch abbilden: Zeit. Ein Erstrundenpick nächstes Jahr ist nicht so viel wert wie ein Erstrundenpick dieses Jahr. Unsicherheit. Injury-Risiko. Trade-Buffer.
Die Faustregel in der NFL: Ein Zukunfts-Pick diskontiert sich um eine halbe Runde pro Jahr. Ein Erstrunder 2027 wird im Trade als später Erstrunder bis früher Zweitrunder behandelt. Ein Zweitrunder 2027 zählt wie ein früher Dritter. Das ist nicht festgeschrieben, aber jeder GM, der ohne diesen Diskont verhandelt, verliert Geld an der Zeit.
Howie Roseman ist Meister im Spiel mit Zukunfts-Picks. Er tauscht regelmäßig 2026er-Picks gegen 2027er-Picks (oder umgekehrt), je nachdem, wo er das bessere Talent sieht. Wenn der nächste Jahrgang als tief gilt, kassiert er. Wenn der aktuelle Jahrgang als Top-Heavy gilt, tauscht er Future gegen Present. Das ist Draft Capital als strategisches Asset, nicht als einmaliger Lottoschein.
Die Eagles-Schule: Warum Howie traden liebt
Wer sich die Roseman-Ära ansieht, sieht ein Muster. Die Eagles traden öfter und erfolgreicher als fast jedes andere Team. Warum?
Erstens: Roseman glaubt nicht an den "besten Pick". Er glaubt an die beste Positionierung. Wenn auf Pick 12 fünf Spieler ähnlich hoch bewertet sind, warum nicht nach hinten rücken und einen davon plus einen Zusatzpick bekommen? Umgekehrt funktioniert es genauso: 2023 sass Howie auf Pick 10 und sah, wie Jalen Carter fiel. Der beste Interior-Rusher des Drafts, Red-Flag-Bewertung, aber auf dem Board noch da. Ein Anruf bei Chicago, ein Tausch Pick 10 gegen Pick 9 plus ein Swap der Viertrundenpicks 2024, und der Georgia-Defensive-Tackle war Eagle. Einen Platz für ein paar Punkte. Howie-Mathematik.
Zweitens: Die Eagles haben fast immer mehr Picks als andere Teams. Das liegt an Howies Comp-Pick-Strategie. Er lässt teure Free Agents ziehen, kassiert Compensatory Picks, und geht mit zehn oder elf Karten in den Draft, während andere Teams mit sechs dastehen. Mehr Karten heißt mehr Trade-Munition. Du kannst dir jeden Move leisten, weil du noch sieben andere hast.
2026 wiederholt sich das Muster. Neun Picks in der Hand, inklusive vier Comp Picks, der Maximalwert pro Team [4]. Josh Sweat und Milton Williams sind weg, die Formel hat zurückgegeben. Ergebnis: Roseman sitzt in Pittsburgh mit der dicksten Trade-Box der Liga.
Drittens: Howie denkt nicht in einem Draft, sondern in drei. 2026, 2027, 2028. Wenn er 2026 einen Pick abgibt, plant er den Rückfluss im 2027er Deal ein. Ein Schachspieler unter Draft-Tüftlern. Andere Teams reagieren auf die Uhr. Howie spielt schon die übernächste Runde.
Jimmy Kempski von PhillyVoice hat nachgezählt: In den letzten sechs Drafts hat Roseman mehr als zwanzig Trades gezogen, einige davon in derselben Runde nacheinander. Kein GM der Liga tradet so oft und so gezielt.
Die Regeln, die keiner erklärt
Ein paar Feinheiten, die selbst eingefleischte Fans oft verpassen:
Die Zehn-Minuten-Regel in Runde 1 gilt nicht pro Trade. Wenn du auf Pick 15 sitzt und einen Trade mit Pick 23 machst, übertragst du deine Uhr. Pick 23 hat also nicht mehr zehn Minuten, sondern so viele, wie von deinen zehn Minuten übrig waren. Deshalb warten manche Teams mit Trade-Gesprächen, bis die Uhr schon sechs Minuten heruntergelaufen ist. Drucktaktik.
Picks können nur in derselben Draft-Klasse oder zwei Jahre nach vorne getradet werden. Das heißt, in Pittsburgh kann ein Team Picks aus 2026, 2027 oder 2028 einsetzen, aber keine 2029er. Klingt technisch, wird aber wichtig, wenn ein GM versucht, einen Erstrunder für drei Jahre im Voraus zu verpfänden.
Trades müssen von der Liga bestätigt werden, bevor der Pick gemacht wird. Ein GM darf nicht einfach am Telefon Ja sagen. Er muss den Deal an die Draft-Zentrale in Pittsburgh faxen oder elektronisch einreichen. Erst wenn die Liga bestätigt, gehört der Pick dem neuen Team. Deshalb bricht gelegentlich Chaos aus, wenn ein Trade während der laufenden Uhr passiert und die Bestätigung sekundenlang hängt.
Die berüchtigten Deals
Zum Schluss eine kurze Galerie der Trades, die in der NFL-Historie Legende sind. Nicht, weil sie fair waren. Sondern, weil sie extrem ungleich ausgingen.
Der Herschel-Walker-Trade 1989 steht ganz oben. Dallas gab Walker, bekam acht Picks, darunter drei Erstrunder. Emmitt Smith, Russell Maryland, Darren Woodson. Drei Super Bowls. Der ungleichste Trade aller Zeiten, aus Minnesota-Sicht [5].
Der Ricky-Williams-Trade 1999. Mike Ditka gab sein komplettes 1999er-Draft-Board und zwei 2000er-Picks für den fünften Gesamtpick, um Ricky Williams zu holen. Ditka wurde nach der Saison gefeuert. Williams hatte Momente, aber nie den Impact, der den Preis gerechtfertigt hätte [6].
Der Robert-Griffin-III-Trade 2012. Washington gab St. Louis drei Erstrunder und einen Zweiten für den zweiten Gesamtpick, um RG3 zu holen. Er explodierte in Rookie-Jahr, verletzte sich im Playoff-Spiel, war drei Jahre später fertig. Die Rams bauten aus den Picks Teile des Teams, das 2018 in den Super Bowl einzog.
Und weil diese Serie eine Eagles-Serie ist: Der Wentz-Trade 2016. Howie Roseman gab Cleveland Pick 8, Pick 77, Pick 100, einen 2017er Erstrunder und einen 2018er Zweitrunder, um auf Pick 2 hochzuklettern und Carson Wentz zu holen (Cleveland schickte dazu einen 2017er Viertrunder zurück). Ein monströser Preis. Cleveland nutzte die Picks kaum, Philadelphia bekam einen Quarterback, der 2017 in die Playoffs führte und den Lauf Richtung Super Bowl startete, den Nick Foles am Ende vollendete. Einer der besten Trade-Ups aller Zeiten, aus Eagles-Sicht.
Was wir davon für 2026 lernen
Am 23. April in Pittsburgh wird wieder getradet. Garantiert. Die Eagles sitzen auf Pick 23, neun Picks insgesamt, Comp-Pick-Maximum. Howie ist in der Position, jeden Move zu machen, den er sehen will.
Drei Szenarien sind plausibel. Erstens: Move-Up in die Top 15, wenn ein Edge-Rusher oder Cornerback fällt, den Vic Fangio nicht verschmerzen kann. Zweitens: Move-Down aus Pick 23 in die späte erste Runde, um die Compensatory-Basis zu erweitern. Drittens: Status quo halten und einen Best-Player-Available nehmen. Die Trade Value Charts stehen auf beiden Seiten des Telefons bereit.
Egal was passiert: Wer Howie kennt, weiß, dass die Trade-Frage mindestens einmal das ganze Ding dominieren wird. Er ist der Jimmy Johnson des NFC East. Die Karten liegen schon auf dem Tisch. Was fehlt, ist nur noch der Moment, in dem er sie ausspielt.
Zwei Wochen. Dann wissen wir, ob die Chart auf Hills Seite oder auf Johnsons Seite stand. Oder ob Howie mal wieder eine eigene Chart geschrieben hat.